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Zur Situation der Hochschulen

in der Russischen Föderation[1]

 

I. Leitung

1. Die Hochschulpolitik ist nicht einheitlich, da es auch kein einheitliches Koordinationszentrum gibt. Stattdessen sind die einzelnen Hochschulen je nach ihrer Fächerausrichtung verschiedenen Ministerien und Komitees unterstellt, was zu mangelnder Übereinstimmung und zu Widersprüchen führt.

2. Die Zuordnung der Hochschulen zu „ihren“ Ministerien beeinflußt ihre materielle Versorgung (die finanzielle Situation ist, soweit ich das beurteilen kann, in Hochschulen unter Regie des Bildungsministeriums am schlechtesten) und auch ihre Organisation. Diese Situation kann die Leitung der Hochschulen für ihre Interessen ausnutzen. Z. B. hat das Staatskomitee für Hochschulbildung schon vor einigen Jahren ein richtungsweisendes Dokument zur Einführung von kulturwissenschaftlichenKursen an den Hochschulen verabschiedet, wobei für diese Kurse ein Kontingent von 96-112 Stunden vorgesehen war. Unsere Universität (die Staatliche Linguistische Universität Nižnij Novgorod), die dem Bildungsrministerium unterstellt ist, führt diese Anordnung jedoch nicht aus, es werden nur 24 Stunden für Kulturwissenschaft aufgewendet. Ich bin davon überzeugt, daß auch der umgekehrte Fall möglich ist, daß Anweisungen des Ministeriums nicht ausgeführt werden, um Vorteile aus konjunkturell Interessanteren Anweisungen des Komitees zu ziehen.

3. Im Hochschulsystem blieb grundsätzlich das Prinzip der Verwaltung von oben nach unten erhalten, wobei die Freiheit der Rektoren nur unbedeutend erhöht worden ist. Alle grundlegenden Direktiven, die den Lehrprozeß betreffen, kommen aus den Kabinetten der Ministerien. Die Ministerien spielen also nach wie vor die Rolle des Vorgesetzten und nicht die eines Koordinators.

Allerdings scheint mir, daß die Leiter der Hochschulen im wesentlichen mit diser Regelung zufrieden sind, denn sie macht es möglich, die Verantwortung für viele Entscheidungen nicht selbst tragen zu müssen und auf die einigene Machtlosigkeit verweisen zu können.

4. Gleichzeitig erhielten die Hochschulen ziemlich viel Freiheit, direkte Kontakte zu ausländischen Hochschulen zu knüpfen (das ist wunderbar) und wirtschaftliche Probleme zu lösen (was mit großer Gefahr verbunden ist). Auf den ersten Punkt werde ich noch zurückkommen, zunächst jedoch zum zweiten. Die wirtschaftliche Selbständigkeit ist an sich sehr zu begrüßen, kann aber unter den Bedingungen des „wilden Marktes“ und der minimalen Finanzierung der Hochschulen auch Schaden bringen. Die Leitung der Hochschulen muß versuchen, soviel Geld wie möglich zu verdienen, was sich auf den Lehrbetrieb jedoch nachteilig auswirkt. Z.B. vermietet die Hochschule ihre Räumlichkeiten. Wenn man bedenkt, daß fast alle russischen Hochschulen ohnehin über zu wenige Seminarräume verfügen, verschlechtert dies die Situation noch mehr. In den Hochschulen entstehen kommerzielle Strukturen, die mit ihren finanziellen Operationen, wie ich meine, die Vorteile ausnutzen, die eigentlich den Hochschulen zugedacht sind. In der Linguistischen Universität gibt es z.B. in einem der Lehrstühle etwas ähnliches wie ein Geschäft, hier wird praktisch ständig mit Lebensmitteln und Industriewaren gehandelt.

Vor zwei Jahren hat die Linguistische Universität zwei Spezialöfen zum Brotbacken (!) gekauft. Dabei muß man wissen, daß unsere Hochschule, was die Zahl der Studenten betrifft, sehr klein ist. Es wurde versprochen, eine ständige Brotproduktion einzurichten, doch bis jetzt hat noch niemand auch nur einen Laib Brot gesehen.

Gleichzeitig erlaubt es die wirtschaftliche Selbständigkeit nicht, dringende Hochschulfragen zu lösen: Schon vor drei Jahren wurde mit dem Bau eines relativ kleinen Hörsaal- und Seminargebäudes begonnen; diese Entscheidung ist höchstwahrscheinlich im Ministerium getroffen worden, doch im letzten Jahr ist der Bau - wohl aus finanziellen Gründen - eingestellt worden. Daß die Leitung der Hochschule ernsthaft um die Lösung der wirtschaftlichen Probleme besorgt wäre, läßt sich nicht erkennen. Außerdem lassen sich zahlreiche Beispiele eines nichtwirtschaftlichen, wenn nicht gar verbrecherischen Umgangs mit materiellen Werten anführen, die überhaupt nicht zu dem lauthals verkündeten Eifer bezüglich einer ökonomischen Mitteloptimierung passen.

5. Auch innerhalb der Hochschulen sind grundsätzlich die alten Führungsstrukturen erhalten geblieben. Trotz der nicht selten nach außen hin demokratisch durchgeführten Wahlen des Rektors wird dieser praktisch von allen Mitarbeitern als Autokrat „örtlicher Bedeutung“ angesehen, wenngleich seine Befugnisse durch die Gesetze, Direktiven und Instruktionen der ihm übergeordneten Dienststellen begrenzt sind. Allen ist bekannt, daß jemand, der sich gegen den Rektor stellt, gezwungen ist, seine Arbeitsstelle zu verlassen; sonst müßte er unter Bedingungen weiterarbeiten, die mit der Selbstachtung nicht zu vereinbaren wären. Hieraus resultieren Unaufrichtigkeit, Lobhudelei und Intrigen, deren Ziel es ist den Rektor auf die eigene Seite zu ziehen, um für die Fakultät, den Lehrstuhl und/oder für sich persönlich Vorteile und Vergünstigungen zu erhalten. Relative Selbständigkeit verhilft einem Dozenten (und das auch längst nicht Immer) zu emem guten Ruf, wissenschaftlichen Titeln und zu Anerkennung in Rußland und im Ausland.

6. Ein kluger Hochschulleiter achtet darauf, daß Demokratie in den Beziehungen zu den Mitarbeitern sichtbar ist. Allerdings werden auf Ändrungen und Vervollkommnung ausgerichtete Initiativen meistens nicht gefördert. Auf meine Frage, warum keiner der von mir eingereichten Vorschläge wenigstens diskutiert worden ist, antwortete der Rektor, daß ich nicht genügend Kraft dafür aufgewendet habe.

Im wesentlichen hat sich auch in den Hochschulen die „Kommando-Methode“ erhalten: dem Rektor ist die gesamte Hochschule unterstellt, der Prorektor für den Lehrbetrieb leitet alle Fakultäten, Lehrstühle und Mitarbeiter. Für den beisitzenden wissenschaftlichen Rat der Hochschule werden sorgfältig Szenarien ausgedacht, damit jeweils die für die Leitung notwendige Entscheidung gefällt wird. Die praktisch allbekannte, völlige Abhängigkeit der Ratsmitglieder vom Rektor garantiert ihm einen günstigen Ausgang aller Diskussionen.

7. Soweit ich es beurteilen kann, nutzt ein kluger Leiter die inneren Widersprüche zwischen den Fakultäten, Lehrstühlen und einzelnen Dozenten geschickt aus, was es ihm erlaubt, die Kraft der verschiedenen Gruppen zu schmälern und mögliche gefährliche Vereinigungen gegen die Leitung zu verhindern.

Eine besondere Gruppe bilden die „rektomahen“ Dozenten, die in jeder Streit- und Konfliktsituation seine Unterstützung erhalten. Die mit Hilfe des Rektors errungenen Vergünstigungen bringen sie in völlige Abhängigkeit von Ihm; umgekehrt wird er nicht vergessen, daran zu erinnern was sie ihm alles zu verdanken haben. Indem weitere Vorteile in Aussicht gestellt werden, wird die Ergebenheit dem Rektor gegenüber noch weiter gesteigert.

8. Vor relativ kurzer Zeit tauchte eine neue Praxis innerhalb der Hochschulleitung auf, indem neue Prorektorenämter eingeführt wurden: Prorektor für Wirtschaft, Internationale Beziehungen, Beziehungen zu Schulen, Bauvorhaben, Beziehungen zur Gesellschaft und den Massenmedien etc. Soweit ich es beurteilen kann, ist das Hauptergebnis dieser Neueinführungen eine Erhöhung der Gehaltsausgaben.

9. Es ist auch schwer zu sagen, welchen konkreten Nutzen der Hochschule die vielen Reisen des Rektors und des Prorektors für Lehre und einiger einzelner „rektornaher" Dozenten ins Ausland bringen. Die Unklarheit hierüber ist damit verbunden, daß die Ergebnisse solcher Reisen nicht veröffentlicht und nicht diskutiert werden.

Ich begrüße die Kontaktaufnahme mit ausländischen Hochschulen und anderen Partnern, doch halte ich es trotzdem für unzulässig, die innerrussischen Möglichkeiten zu vernachlässigen. Doch die Leitungen der Hochschulen haben m.E. keine Lust, mit ihren Landsleuten zusammenzuarbeiten, obwohl das keine besonderen Ausgaben erfordert. Ich bin davon überzeugt, daß die russischen Hochschulen sogar in ihrer jetzigen tragischen Lage ein großes Potential haben, das innerhalb des Landes ausgenutzt werden müßte. Trotzdem werden Partner nur im Ausland gesucht, was dazu führt, daß oft schlechte Dozenten zu uns kommen. Dies schadet in vieler Beziehung der gemeinsamen Sache und kompromittiert die Idee der Zusammenarbeit.

10. Soweit ich das am Beispiel unserer Universität beurteilen kann, ist das Rektorat nicht daran interessiert, die Qualität der Lehre wirklich zu erhöhen und die Bildungsinhalte zu verbessern. Aus der Hochschule werden z.B. (ohne Schwierigkeiten) gute Dozenten entlassen, einige werden einfach herausgedrängt. Vorschläge zur Veränderung der Organisation und der Lehrinhalte werden als unkooperativ und unangebracht betrachtet und der Initiator solcher Vorschläge wird als berechnender Mensch angesehen, der seine persönlichen Beziehungen zur Leitung ausnutzt. Zur Arbeit in der Hochschule werden nicht in erster Linie ausgewiesene, interessante Wissenschaftler herangezogen, sondern Leute, die von der nächsten Umgebung des Rektors empfohlen worden sind oder großartige Titel haben.

11. Alles Gesagte wiederholt sich in kleinerem Maßstab auf Fakultätsebene, wo der Dekan und das Dekanat befehlen, und auf Lehrstuhlebene, wo der Lehrstuhlinhaber sich bemüht, eine vorsichtige Politik durchzuführen, da er sich zwischen mehreren Chefs, die meistens ihre eigenen Interessen haben, befindet: dem Rektor, den Prorektoren und Dekanen, doch wird er keine Möglichkeit auslassen, selbst Chef zu werden, da von seinen Vorgaben abhängt, wieviel die Dozenten arbeiten müssen, und damit auch, wieviel sie verdienen.

Auf diese Weise bleibt in der russischen Hochschule der Führungsstil erhalten, der seit langer Zeit unter den Bedingungen eines befehlenden Verwaltungssystems üblich ist. Das demokratische Flair, daß jetzt über den Mechanismus der Hochschulleitung geworfen wird, ist nur ein Deckmantel. In der Hochschule gibt es Chefs, die Befehle geben und das Schicksal ihrer Untergebenen bestimmen, zu denen auch die Dozenten gehören. In der russischen Hochschule ist heute wie früher nicht der Leiter (Rektor, Prorektor, Dekan, Lehrstuhlinhaber) davon abhängig, welche Mitarbeiter mit ihm auf welche Weise zusammenarbeiten, sondern die Dozenten sind davon abhängig, wie die Leitung sich ihnen gegenüber verhält. Deshalb werden die Mitarbeiter oft nicht nach dem Prinzip der professionellen Qualifikation, nicht unter Berücksichtigung ihrer Bereitschaft und ihrer Befähigung, in der Hochschule zu arbeiten, eingestellt, sondern nach konjunkturellen Vorstellungen und mit der Hoffnung, daß sie in Zukunft dem Leiter untergeben sind.

 

II. Struktur

1. Die größte Reform-Aktivität in struktureller Hinsicht besteht in der Umbenennung von Institutionen und Hochschulen in „Universitäten“ und „Akademien“, was meistens durch die Notwendigkeit erklärt wird, von den Ausländern verstanden zu werden. Allerdings meine ich, daß die Ausländer grundsätzlich nicht so ignorant sind, die Spezifik einer Einrichtung zu verstehen, die sich hinter dem Wort "Institut" verbirgt. Bezeichnungen wie „Ecole Normale“ und „Fachhochschule“ werden ja auch nicht nur von Franzosen und Deutschen verstanden, sondern auch von Ausländern.

Es wurde angenommen, daß die Universitäten und Akademien nach der Umbenennung auf eine bessere finanzielle Basis gestellt seien, doch bis jetzt hat sich das noch nicht bestätigt.

Wahrscheinlich hat sich durch die Umbenennung eine „Hochschulelite“ im Land gebildet, die irgendwelche mir nicht bekannten Vorteile (wahrscheinlich nur für die Leitung der elitären Hochschulen) bekommt und einen leichteren und breiteren Zugang zu ausländischen Partnern hat. Außerdem gehört die Umbenennung zu der in unserem Land üblichen Neigung zur Schaffung „Potemkinscher Dörfer“.

Diese Überlegungen werden dadurch bestätigt, daß die Benennung „Universität“ oder „Akademie“ aufgrund rein äußerlicher Merkmale vergeben wird, und auch diese werden nur auswahlsweise berücksichtigt.

So haben bis zur Umbenennung in unserem Institut nur drei habilitierte Professoren gearbeitet (Ende Mai sind es vier geworden), doch in dem Antrag auf Umbenennung in eine Universität wurden 17 Professoren als der Hochschule angehörig angegeben, dabei waren die übrigen 14 Wissenschaftler, die lediglich zu einzelnen Vorlesungen aus anderen Hochschulen eingeladen worden waren.

Nebenbei bemerkt: es werden nicht interessante Wissenschaftler zu Lehraufträgen eingeladen, deren Kurse für die Studenten (und vielleicht auch für die Dozenten) nützlich wären, sondern vor allem Träger von wissenschaftlichen Graden und Titeln.

Im Endeffekt wurde unsere Hochschule zu einer Universität mit vier Fakultäten; drei von ihnen bilden Lehrer für die Schule aus! Erst jetzt wird der Versuch unternommen, neue Fakultäten zu gründen.

Noch ein Beispiel: die Umwandlung des Nižnij Novgoroder Technikums für sowjetischen Handel (das Niveau entspricht einer Handelsschule) in ein kommerzielles Institut (angeblich mit dem Niveau einer Hochschule). Natürlich hat sich sein offizieller Status verbessert, obwohl sich das Kontingent der Mitarbeiter und das System der Studentenauswahl praktisch nicht verändert haben.

Sogar die Studenten begreifen ziemlich schnell, daß diese Lehreinrichtung nicht den Anforderungen einer Hochschule entspricht.

2. Zum zweiten wichtigen Faktor, der die strukturellen Veränderungen bestimmt, wurde die Einführung des mehrstufigen Bildungssystems mit dem Ziel der Einführung des Baccalaureats und des Magisters. Während diese in vielen Ländern der Welt bestehende Struktur rein äußerlich kopiert wird, werden die harten Zeitanforderungen, sowohl was die Semesterzahl als auch die Semesterwochenstunden (mit einer Vielzahl an obligatorischen Kursen) betrifft, von der Leitung an den russischen Hochschulen aufrechterhalten.

Als Ergebnis dieser Reformen erhielt der Student keine zusätzliche Freiheit bei der Festlegung des Inhaltes seiner Ausbildung. Doch sind die Anforderungen an die Studenten beim Übergang von einer Stufe zur nächsten härter geworden.

3. Wie ich meine, hat sich insgesamt gesehen die Orientierung auf die Ausbildung von Schmalspurspezialisten an den Hochschulen erhalten, für den in den Kabinetten der Ministerien schon entschieden wurde, welche Fächer er studieren muß, um ein typisiertes Diplom zu erhalten. Hochschulabsolventen werden in der russischen Gesellschaft bis heute als „Schräubchen“ im Getriebe angesehen, die ihren vorgeschriebenen Platz einnehmen müssen; wenn es notwendig ist, müssen sie ein anderes „Schräubchen“ ersetzen oder werden ihrerseits durch ein jüngeres, aber im Grunde identisches, ersetzt.

Im Endeffekt erleichtert das nicht nur die Ausbildung solcher „Schräubchen“ und die Leitung des entsprechenden Ausbildungsprozesses, sondern auch die weitere Kontrolle über diese „Schräubchen“, die eine solche normierte Ausbildung durchlaufen haben.

Hieraus, so scheint mir, resultiert im Grunde die Idee der „Konvertierbarkeit“ des Diploms: Das im schlechten Sinne technokratische Denken das sich im Kommando- Verwaltungssystem herausgebildet hat, ist volle Glauben an die Möglichkeit, das typische russische „Schräubchen“ auch im Ausland gebrauchen zu können. Dazu braucht man diesem Denken zufolge nur die staatlichen Standards zu verändern und für die Parameter herzurichten, die im Ausland erforderlich sind.

4. Die blinde Nachahmung ausländischer Strukturen im russischen Bildungswesen hat erhebliche Ausmaße angenommen. So wurde ein über lange Zeit ausgearbeitetes und vor zwei bis drei Jahren herausgegebenes Dokument uber ein „Blocksystem“ in der Bildung vom Ministerium an die Hochschulen geschickt; diesem System nach muß der Student eine bestimmte Anzahl von Punkten zusammenstellen, indem er Fächer aus verschiedenen „Blöcken“ auswählt. Auf diese Weise vergrößert sich auf den ersten Blick die Freiheit des Studenten. Allerdings betraf das erstens nur einen Teil der Fächer, und zweitens war der Inhalt der „Blöcke“ wahrscheinlich aus dem Programm der amerikanischen Universitäten abgeschrieben worden, ohne daß die Unterschiede berücksichtigt wurden, die zwischen den Interessen der mittleren Bildung in Rußland und den USA bestehen. Die Verwirklichung dieses Dokumentes im Hochschulleben hat mdes aus irgendeinem Grunde nicht stattgefunden.

Im Endeffekt haben die strukturellen Veränderungen einen äußerlichen, zufälligen und fur Rußland unorganischen Charakter. Das Streben den anderen Ländern nachzuahmen, drückt sich nicht in der Übernahme des Nötigsten und Wertvollsten aus. Dabei wird die Erfahrung, die sich im vorrevolutionären Rußland und in der Sowjetzeit angesammelt hat, praktisch völlig ignoriert.

 

III. Inhalte

1. Auf diesem Gebiet der Hochschulbildung finden die wenigsten Reformen statt. Es besteht ein sehr festes Diktat an Programmen und Stunden, die für die einzelnen Fächer festgelegt sind. Natürlich haben sich die Namen der Kurse zum Teil geändert: Geschichte der KPdSU wurde zu Vaterländische Geschichte, Historischer Materialismus wurde zu Soziologie, Dialektischer Materialismus zu Einführung in die Philosophie, Wissenschaftlicher Kommunismus zu Politikwissenschaft und Politische Ökonomie zur Grundlage des Faches Marktwirtschaft. Selbstverständlich herrschen jetzt im Gegensatz zu früher weder Ideologisierung noch Tendenzhaftigkeit, doch hat die inhaltliche Seite der Kurse, vielleicht mit Ausnahme der Wirtschaftskurse, grundsätzlich sehr wenige Veränderungen durchgemacht.

2. In einer großen Anzahl der Hochschulen blieb die Einteilung der Stunden im Rahmen des allgemeinbildenden geisteswissenschaftlichen Zyklus von Fächern aus der Vorperestrojkazeit mit unbedeutenden Veränderungen erhalten. Diese Fächer sind natürlich obligatorisch für die Studenten. Reformen werden auch durch alte Beziehungen zwischen den Rektoren, die ihren Posten oft seit vielen Jahre innehaben und deshalb eng mit den früheren Lehrstühlen des Marxismus-Leninismus verbunden sind oder selbst in der Vergangenheit Partei arbeit geleistet haben, erschwert und durch die jetzigen Statthalter, die sich die Lehre der geisteswissen schaftliehen Fächer sichern wollen. Die Lehrstuhlinhaber dieser Fächer halten mit allen Mitteln an der einmal zugeteilten Stundenzahl fest, obwohl sie oft nicht wissen, womit sie sie ausfüllen sollen.

3. Zweifellos setzen sich auch gewisse Reformen der Lehrveranstaltungen durch: Es werden neue bzw. vergessene Namen berücksichtigt, es wird ein mehr oder weniger vielseitiger Überblick über verschiedene Sichtweisen eines Problems gegeben, es werden Texte verschiedener Autoren hinzugezogen etc. Allerdings bleibt vieles beim alten: Von überzeugt Marxisten wird an der Idee festgehalten, daß der Marxismus den anderen philosophischen Theorien überlegen sei; in den Politik- und Geschichtsseminaren wird der Versuch unternommen, Lenin zu rechtfertigen; religionsgeschichtliche Seminare werden von früheren Spezialisten wissenschaftlichen Atheismus abgehalten, die ihre Haltung der Religion gegenüber offensichtlich nicht verändert haben. Viele Lehrer der alten Garde wollen oder können ihre Kurse nicht reformieren; die aktuellen Beschlüsse des ZK der KPdSU oder des letzten Parteitages sind zwar nicht mehr nachzubeten, aber auch die Idee der Möglichkeit eines eigenen Kurses, der nicht aus emem Lehrbuch abgeschrieben wäre, wird von ihnen nicht angenommen und umgesetzt. Als Antwort auf Veränderungen in einem von nur vor VIer Jahren durchgeführten Kurs rief der Lehrstuhlinhaber empört aus: „Was, wollen Sie etwa die ,Philosophie Akopjans' lesen?!“ Schließlich spielen auch persönliche politische Sympathien beim Erhalt alter Inhalte der Lehrveranstaltungen eine wichtige Rolle, die mit der in letzter Zeit immer stärker werdenden Nostalgie über die „Stabilität“ des Lebens in der UdSSR zusammenhängen. Mein Sohn, der 1989 am Institut für Fremdsprachen zu studieren begann, hat die ersten drei Jahre Sprachen (Französisch und Englisch) anhand von Texten gelernt, in denen das sowjetische Leben verherrlicht wurde. Und in vielem war das mit den Lebensprinzipien verbunden, die von seinen Dozenten gepredigt wurden. Und un Sommer 1994 legten die Studenten das Examen im Fach Philosophiegeschichte ab, indem sie die vom Autor angeführte Charakteristik des Imperialismus in einer Arbeit Lenins „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ auswendig zu lernen hatten.

Auf der anderen Seite dringt in die Kurse der Gesellschaftsgeschichte, Philosophie und Religionsgeschichte immer öfter die Idee von der Exklusivität des russischen Volkes, von der Überlegenheit der orthodoxen Kirche über alle anderen Konfessionen, von den Vorzügen, die angeblich die Geschichte, PhIlosophie und Kultur des russischen Volkes von denen der anderen Völker unterscheidet. Vor kurzem konnte man auf einer Konferenz der Nižnij Novgoroder Universität hören, daß die Demokratie von alters her, angefangen von der Kiever Rus', der russischen Gesellschaft ci en se.i, und daß die existentialistische Weltanschauung schon lange (wesenthch frührr als bei den europäischen Existentialisten) in der Gerhichte des russischen gesellschaftlichen Denkens zu finden sei. Mit anderen Worten, Rußland kann vom Westen nichts mehr lernen. Aus solchen Ideen formiert sich eine neue Ideologie, die gesamtstaatlich zu werden droht.

4. Im Endeffekt wird die geisteswissenschaftliche Bildung der Studenten mit Hilfe einer Vielzahl von veralteten oder einfach qualitativ schlechten theoretischen, methodologischen und methodischen Kursen verwirklicht; ohne eine genügende Anzahl von qualifizierten Dozenten der zeitgennössischen allgemein geisteswissenschaftlichen Fächer; ohne ausreichende Lehrmaterialien und Texte.

5. Wie schon angedeutet, ist die Leitung der Hochschulen meist nicht daran interessirt, die Lehre inhaltlich zu reformieren; sie gibt sich mit äußerlichen Veränderungen zufrieden, die für die Kontrollkommissionen und für gastfreundlich empfangene Gäste viel deutlicher sichtbar sind.

6. Das Beibehalten von Vorlesungen in der russischen Hochschule, wenn sie dabei modem und inhaltsreich sind und dem Studenten die Möglichkeit geben, sich eine allgemeine Vorstellung über das Spektrum der studierten Fachrichtung zu bilden, ist ein positives Moment gerade in der gegenwärtigen Zeit, in der die Mechanismen fehlen, die es erlauben würden, sich einigermaßen leicht in wissenschaftlichen Fragen oder didaktischen Problemen zu orientieren: schlecht bestückte und technisch unzureichend ausgestattete Bibliotheken (die Nižnij Novgoroder Gebietsbibliothek kann schon mehrere Monate keine Bücher aus dem Grundbestand ausgeben, da sie zu Paketen zusammengebunden in einem ungeeigneten Gebäude aufbewahrt werden), das ungenügende Wissen, das in der Schule erworben wurde, die hohen Bücherpreise, das Fehlen von Computern, die Unmöglichkeit, Internet auszunutzen etc. Doch werden Seminare in der Mehrzahl auf niedrigem Niveau durchgeführt. Erstens wird hier oft das schulische Schema im schlechten Sinne reproduziert: der „Lehrer“ erzählt in der Vorlesung - der „Schüler“ fügt etwas aus der empfohlenen Literatur hinzu und wiederholt das Ganze in der Vorlesung. Anders ausgedrückt, die Lehrveranstaltungen sind nach dem Reproduktionsprinzip aufgebaut. Das hängt erstens mit der Unfähigkeit der Dozenten zusammen, auf andere Weise zu lehren, mit der Furcht, dem Studenten Freiheit bei der Literaturauswahl und der Auswahl der Aussagen zu geben, mit der Unlust, neue und interessante Lehrmaterialien zusammenzustellen, doch auch mit der Gleichgültigkeit der Studenten dem studierten Fach gegenüber (was natürlich auch in vielem auf den Dozenten zurückzuführen ist). Zweitens reichen die Lehrmaterialien nie aus (Verteuerung der Bücher, Finanzschwachheit der Bibliotheken, kleine Kapazität und die sehr hohen Kosten der Kopiergeräte). Drittens erhält der zukünftige Student in der Schule nicht nur keine Fertigkeit im freien Beurteilen, keine Fähigkeit, an Diskussionen teilzunehmen, selbständig Schlüsse zu ziehen etc., sondern er lernt im Gegenteil Buchstabengelehr sarnkeit, Einpauken und Unselbständigkeit. Über die Gründe könnte man lange sprechen, doch der Hauptgrund scheint mir der zu sein, daß die in diesem selben Geist erzogenen Schullehrer, die es nicht geschafft haben, der wie eine Lawine erscheinenden neuen und alten Literatur hinterherzukommen, fürchten, auch nur einen Schritt von den von ihnen vorbereiteten Lehrkonzepten abzuweichen und dieselbe Begrenztheit von ihren Schülern fordern.

Am Endt erhält der Student bei dem allgemein nicht befriedigenden BIld der geisteswissenschaftlichen Fächer praktisch keine Möglichkeit, (wenigstens zu einem gewissen Grad) selbständig den Inhalt seiner Lehrveranstaltungen zu bestimmen, ganz zu schweigen von der völligen Unmöglichkeit, sich die Dozenten auszusuchen. Diese Situation läßt das Auftauchen von Konkurrenz (im positiven Sinne des Wortes) zwischen den Dozenten, Lehrstühlen und Fakultäten nicht zu. Doch befreit sie die Hochschulen auch nicht von ständigen Streitigkeiten, Zänkereien und Intrigen.

 

IV. Materielle Lage

1. Diese Seite des Hochschullebens ist zur Genüge bekannt, und ich kann wohl kaum etwas wirklich Neues hinzufügen: die sehr schlechte Bezahlung der Arbeit, die miserablen Stipendien, der Büchermangel, ganz zu schwelgen von der technischen Ausstattung der Auditorien Laboratorien, Bibliotheken, das Nichtvorhandensein von Mitteln für die Verwirklichung jedweder Programme für Renovierungen, für Neubauten.

2. Diese Lage drängt die Leitung der Hochschulen zur Kürzung der kostenlosen und Vergrößerung der kostenpflichtigen Studienplatzvergabe. Dies wirkt sich negativ auf die Qualität aus, weil die zahlenden Studenten of solche sind, die nichts wissen und meistens auch nichts wissen wollen und sich schon gar nicht dafür anstrengen wollen; es sind in der Regel Kinder reicher Eltern, deren Reichtum, nebenbei bemerkt, hauptsächlich nicht aufgrund ihrer. beruflichen Qualitäten, durch großes Wissen oder lange und intensive Arbeit zusammengetragen wurde, sondern indem sie eine günstige Situation, Beziehungen, die Konjunktur, Gesetzeslücken etc. auszunutzen wußten. Vor allem wollen die Eltern, daß ihre Kinder ein Hochschuldiplom haben (am besten ein „konvertierbares“, damit sie sich später ohne große Probleme im Ausland einrichten können). Auf diese Weise kann man nebenbei den Schluß ziehen, daß sich das' Prestige der Hochschulbildung noch auf dem gewohnten NIveau gehalten hat, wenn auch in einer ziemlich crustellten Form. Junge Leute, die aus irgendwelchen Unternehmen oder Firmen Geld bekommen, denen gegenüber weder sie als zukünftige Spezialisten noch Ihre Eltern wirklich Verantwortung tragen, gehören ebenfalls Gruppe der sich einkaufenden Studenten.

Möglicherweise könnte die Einführung einer kostenpflichtigen Bildung und von Darlehen, um das Studium zu bezahlen, mit nachfolgender Abzahlung während der Berufstätigkeit das Problem der Kostenmisere lösen, doch das ist unmöglich, da erstens die staatlichen Mittel allgemein und für die Hochschule insbesondere nicht ausreichen, zweitens die galoppierende und schlecht zu berechnende Inflation längerfristige Kalkulationen nahezu unmöglich macht und drittens die Masse der Hochschulabsolventen, die nicht in erfolgreichen kommerziellen Firmen arbeitet, nur äußerst geringe Einkünfte bezieht.

3. Die materiellen Schwierigkeiten verhindern, wie schon gesagt, weder die ständige Erhöhung der Planstellen an den Hochschulen noch die Schaffung von neuen, nicht gewinnbringenden Strukturen. Auf der letzten Sitzung des Rates der Staatlichen Linguistischen Universität Nižnij Novgorod hat sich der Prorektor für Wirtschaftsangelegenheiten gegen den Vorschlag unseres Lehrstuhls ausgesprochen, eine Abteilung für Publizistik und Massenmedien einzurichten, dafür aber vorgeschlagen, eine neue Abteilung für sich selbst mit neun (!) Mitarbeitern zu schaffen. Höchstwahrscheinlich wird sie auch verwirklicht.

In der Linguistischen Universität wurden in den letzten zwei Jahren vier kulturelle Zentren eröffnet (was an sich wunderbar ist): ein deutsches, ein österreichisches, ein französisches und ein amerikanisches, deren Finanzierung in der Hauptsache freilich von den ausländischen Partnern übernommen worden ist. Doch letztendlich hat das die Linguistische Universität einer großen Anzahl von Unterrichtsgebäuden beraubt.

4. Daß das Finanzministerium seine Pflichten den Hochschulen gegenüber ständig nicht erfüllt, weist darauf hin, daß in der Politik des russischen Staates auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften im Vergleich zur kommunistischen Epoche keine Wandlung zum Besseren stattgefunden hat.

 

V. Aufnahme in die Hochschule

1. Der Niveauabfall in der Lehre betraf natürlich nicht nur die Hochschulen, sondern auch den Bereich der mittleren Bildung. Die Verschlechterung der Ausbildungsqualität begann schon vor langem, und das heutige mittelmäßige Bildungsniveau der Schul- und Hochschulabgänger kann in keiner Weise als zufriedenstellend angesehen werden. In den Jahren 1988-1992 hatte ich die Möglichkeit, relativ oft mit Schülern berufsbildend-technischer Lehreinrichtungen, von Dorf- und Kreisschulen und allgemeinen Mittelschulen in Nižnij Novgorod zusammenzukommen,und kann bestätigen, daß die überwältigende Mehrheit der Lernenden sich durch ein sehr niedriges Niveau an sprachlicher und schriftlicher Kompetenz und Allgemeinbildung auszeichnet. Dieser Eindruck wurde durch seltenere ähnliche Begegnungen in den letzten Jahren bestätigt und auch durch Kontakte mit in die Hochschule eintretenden jungen Menschen. Besonders deutlich kommt das niedrige sprachliche Niveau und die Unfähigkeit, die eigenen Gedanken darzulegen, in den schriftlichen Arbeiten zum Vorschein. Dabei handelt es sich doch um diejenigen jungen Leute, die eine Wettbewerbsauswahl hinter sich haben! Man kann sich vorstellen weIches Niveau die Studenten der „nicht prestigeträchtigen“ Hochschulen haben, in denen die Examen praktisch schon zur Formalität geworden sind!

Das allgemeine Bild wird durch die Schüler an denjenigen Schulen, die einigermaßen hohes Niveau bewahrt haben (traditionell dank des persönlichen Emsatzes des Direktors, aufgrund der Schülerzahlen der Aktivität der Eltern, der Hilfe von Sponsoren, die meistens auch Eltern sind deren Kinder die Schule besuchen, etc.) etwas verbessert. Der weit verbreitete Nachhilfeunterricht beugt ebenfalls einer weiteren Senkung des NIveaus vor.

2. Obwohl das Studium an einer Hochschule jetzt nicht mehr als ein so erstrebenswertes Ziel erscheint wie früher und viele Hochschulen und Fakultäten schon lange gezwuugen sind, Aufnahmeprüfungen überhaupt noch zu behaupten, gibt es um die Aufnahme in die Hochschule einen großen Rummel, der oft künstlich geschaffen wird und der die Korruption fördert. In erster Linie betrifft das natürlich die Hochschulen und Fakultäten mit Prestige. In der Examenszeit erhalten spezielle Abiturientenlisten einen fast offiziellen Status, in die Namen von Kandidaten für das Studium „auf Empfehlung“ von „interessierten“ Personen aufgenommen werden. Die Prüfer regulieren geschickt den Verlauf des Examens und stellen die nötigen Zensuren aus, so daß die äußere Anständigkeit gewahrt bleibt. Bis heute bleibt das „Telefonrecht“ in Kraft, wenn der Sohn eines hohen Beamten völlig unverdient die höchsten Punktzahlen erreicht und noch seine Freunde mit durchzieht. Um ihre Schützlinge zu protegieren, greifen diejenigen, die an den Schalthebeln der Macht oder des Verwaltungsapparats sitzen, zum Telefon und geben ihre Wünsche durch, die dann in der Regel promp erfüllt werden.

3. In den letzten Jahren haben Multiple-Choice-Tests ziemliche Verbreitung erhalten. Hierdurch wird der Anschein einer objektiven Behandlung der Abiturienten erweckt. Für mich ist einer der wichtigsten Gründe für die Etablierung dieser Prüfungsform sogar in den Examen der geisteswissenschaftlichen Fächer (die an sich nicht zu formalisieren sind) die Begeisterung für die „westliche Mode“. Die Tests haben oft einen absurden Charakter, der Inhalt des Examens wird dadurch primitiv, es kommt ein großes Moment der Zufälligkeit hinein, wobei keine große Objektivität erreicht wird. Der Abiturient kommt, die Gunst des Prüfers ausnutzend, sehr viel leichter durch das schon keine „Folter“ mehr darstellende Examen, weil er nicht einmal das Vorgesagte verstehen und reproduzieren muß, sondern sich nur eine einfache Reihe von Ziffern zu merken braucht, die die Nummern der richtigen Antworten sind. Das geht so weit, daß unternehmerisch begabte Leute vor den Aufnahmeprüfungen mit Blättern handeln, auf denen die richtigen Nummern der Antworten stehen.

4. Die Absurdität der Aufnahmeprüfungen in ihrer jetzigen Form besteht darin, daß sogar dann, wenn das Examen völlig korrekt und ohne irgendwelche Verletzungen ethischer Normen abläuft, nicht die Fähigkeit des Abiturienten zum Studium ermittelt, sondern das Niveau eines mechanisch angelernten Wissens überprüft wird. Die Prüfung selbst trägt mitunter einen zufälligen und oberflächlichen Charakter. Geprüft wird nicht die Auffassungsgabe, sondern die Fähigkeit, im Gedächtnis zu behalten und mit einer möglichst kleinen Anzahl von Fehlern Gelerntes zu wiederholen; gefördert wird nicht produktives, kreatives Denken, sondern reproduktive Wiedergabe; Vorteile haben nicht wißbegierige und kreativ Denkende, sondern Studenten, die genau das antworten, was die Prüfer von ihnen erwarten.

Nach Prüfungen dieser Art braucht man sich nicht darüber wundern, daß etliche Studierende Wort und Schrift schlecht beherrschen.

5. Bis zu einem gewissen Grade wiederholt sich dies bei den späteren Prüfungen der einzelnen Kurse. Die Dozenten treten oft als „interessierte Seite“ auf, sorgen für gute Zensuren für ihre Studenten (wenn die Zensuren gut sind, heißt das, daß ich ein guter Dozent bin), verteidigen die Ehre des Dienstrockes des Lehrstuhls bzw. der Fakultät. Es gibt sogar Fälle von Erpressung von seiten der Dozenten.

Es kann sogar, wenn der Student nicht „ins Schema“ des Dozenten paßt, eine offene Unterdrückung des Studenten einsetzen. Mein Sohn, der seiner negativen Haltung den durchgenommenen Texten gegenüber Ausdruck verliehen, und auch nicht-standardmäßige und wahrscheinlich für die Dozenten unerwartete Antworten bevorzugt hatte, war im Verlauf der ersten drei Jahre (das sind sechs Semester) Ausschlußkandidat wegen schlechter Leistungen in seinem Fach (Französisch). Im vierten Studienjahr kam ein neuer Dozent, und alles änderte sich. Und im fünften Studienjahr hat er als einziger von 30 Studenten und jungen Dozenten der Linguistischen Universität in der Französischen Botschaft die Prüfungen bestanden und das Diplom DALF (internationales Diplom der Kenntnis der französischen Sprache) erhalten.

 

VI. Die Studenten

1. Wenn die Studenten keine ausreichende. Unterstützung von ihren Eltern erhalten, befinden sie sich in der schwierigsten Lage. Viele von ihnen sind gezwungen zu arbeiten, allerdings nicht nur um dazuzuverdienen, sondern um für ihren Lebensunterhalt aufzukommen, was sich negativ auf das Studium auswirkt.

2. Das Gesetz zur Einberufung der Studenten in die Armee ist ein nicht wiedergutzumachender Schlag für das ganze System der höheren Bildung und zeugt von der Kurzsichtigkeit der Regierung des Landes und der wie früher gegen den Menschen gerichteten Politik des Staates.

3. Zu allen schon angesprochenen materiellen Problemen des Lehrprozesses kommt der zum größten Teil schreckliche Zustand der Studentenwohnheime, die unhygienischen Verhältnisse, die schlechte Ernährung.

4. Die Studenten haben sich den ihnen vorgelegten „Regeln und Spielen“ angepaßt und richten ernsthafte Aufmerksamkeit nur auf die Dinge, die sie selbst für wichtig halten. Oft fällt das mit den Interessen derjenigen Dozenten zusammen, die die „zweitrangigen“ Fächer unterrichten: sie können die Lehrveranstaltung ausfallen lassen, stellen keine Forderungen an sich s ilbst und geben fiktive, nicht den Leistungen entsprechende Zensuren.

5. Sehr oft denkt ein Student, der in die Hochschule eingetreten ist, nicht daran, in seinem Fach zu arbeiten. Er will nur das Diplom oder, im Fall der Linguistischen Universität: die Kenntnis einer Fremdsprache. Die Adgänger der Linguistischen Universität arbeiten, wo es gerade möglich ist, nur nicht in Schulen, obwohl sie eine pädagogische Ausbildung haben. An die Schulen gehen nur einzelne, weshalb in den Schulen ein schlimmes Defizit an Lehrern vieler Fächer besteht. Und in den Dörfern gestaltet sich die Situation ganz schrecklich.

6. Aus diesem Grund sind die Studenten in vielem gleichgültig, was den Inhalt ihrer Ausbildung anbelangt. Sie haben kein Bedürfnis nach profunden Kenntnissen, da ihnen klar ist, daß ihr Wissen höchstwahrscheinlich nicht erforderlich sein wird und daß ihr zukünftiges materielles Wohlergehen nicht von den von ihnen erworbenen fachlichen Fähigkeiten, sondern von ihrer Wendigkeit und unternehmerischen Initiative abhängen wird.

7. Der Student wird in der Hochschule praktisch nicht als ein potentieller Wissenschaftler angesehen, der die Qualität der Bildung, Lehre etc. schätzt. Insgesamt ist der Student nicht die Hauptfigur im Bildungssystem: dieses ist nicht für den Studenten da, sondern der Student „bedient“ die Hochschule, erlaubt ihr, weiter zu bestehen.

 

VII. Dozenten (Mitarbeiter)

1. In den letzten Jahren sind viele qualifizierte Lehrkräfte aus den Hochschulen abgewandert, ein Vorgang, der bis heute anhält. Viele von ihnen sind in die Wirtschaft gegangen, d.h. sie haben sich völlig von Wissenschaft und Bildung abgewandt. Heute bleiben in der Hochschule a) zu nichts anderem fähige Leute (und so auch oft schlechte Kenner ihres eigenen Faches); b) Leute, die die Hochschule nur als Grundarbeitsplatz benutzen (für das Arbeitsamt) und die ihren Lebensunterhalt auf andere Weise verdienen; c) Mitarbeiter, die ihre Arbeit lieben. Einen nicht unbedeutenden Teil machen diejenigen aus, die nur auf einen günstigen Augenblick warten, um endlich eine Arbeit anzunehmen, die anständig bezahlt wird.

2. Die Dozenten befinden sich, was ihre materielle Situation betrifft, in einer erniedrigenden Lage: Ihr Gehalt beträgt im allgemeinen knapp 20 bis gut 60 US-Dollar im Monat und erreicht oft nicht einmal das Existenzminimum. Und wenn es gerade für die Ernährung reicht, so wird die Anschaffung von wirklich notwendigen Kleidungsstücken zum unlösbaren Problem.

3. Es fehlt jegliche nennenswerte Prämierung für gute Arbeit, so wie es praktisch auch keine Sanktionen für schlechte Arbeit gibt. In der Lehre wird weder kreatives Bemühen belohnt noch die Vorbereitung neuer Kurse und Lehrprogramme.

4. Besondere Schwierigkeiten haben die Dozenten, die sich mit der Forschung beschäftigen. Erstens läßt die große Belastung durch die Lehre nur sehr wenig Zeit übrig; zweitens erlaubt es der verringerte Finanzetat nicht, in Konferenzen teilzunehmen; drittens werden solche Fahrten, wenn sie denn doch zustande kommen, von der Hochschulleitung als für den Lehrprozeß hinderlich angesehen; viertens werden wissenschaftliche Erfolge überhaupt nicht anerkannt (ich meine eine moralische Anerkennung); fünftens sind die Kosten für die (technische) Vorbereitung von wissenschaftlichen Texten (Computer, die Arbeit der Schreibkraft, Vervielfältigung, Papier), deren Publikation praktisch nicht bezahlt wird oder nur miserabel mit ganz kleinen Summen entlohnt wird, kaum noch aufzubringen; sechstens hat sich die Fachliteratur, die für die Arbeit notwendig ist, sehr verteuert; aus diesem Grund ist sie in den Bibliotheken nicht vorhanden; siebtens gibt es nur geringe und sich noch schwieriger gestaltende Kontakte zu Kollegen. Deswegen beschäftigen sich immer weniger Mitarbeiter der Hochschulen mit der Wissenschaft. Die Lage in den Instituten der Akademie der Wissenschaft ist, bitteschön, noch katastrophaler, doch dies wäre ein anderes Kapitel.

 


1. Эта статья впервые была напечатана в сборнике: Russische Hochschulen heute. Situatuionsberichte und Analysen 1995. Bochum, 1995.

 

 

 

 

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